Die Bedrohungen sind real – nicht theoretisch
Am 3. Januar 2026 legten Unbekannte mit einem Brandanschlag das Berliner Stromnetz lahm. 45.000 Haushalte und über 2.200 Betriebe waren tagelang ohne Strom – bei Minusgraden. Es war der längste Stromausfall der Stadt seit 1945. Notrufnummern funktionierten nur eingeschränkt, Ampeln fielen aus, Heizungen blieben kalt. Bereits im September 2025 hatte ein ähnlicher Anschlag den Technologiepark Adlershof getroffen. Die Schäden für betroffene Unternehmen: zwischen 30 und 70 Millionen Euro.
Diese Anschläge sind keine Einzelfälle. Das Bundesamt für Verfassungsschutz warnt aktuell vor verstärkten Sabotageakten gegen kritische Infrastrukturen und Wirtschaftsunternehmen. BKA-Präsident Holger Münch stellt fest: „Gewalttaten und Angriffe auf die Infrastruktur durch Linksextremisten nehmen seit einigen Jahren nicht unbedingt in der Zahl, aber sehr wohl an Intensität zu." Gleichzeitig geht der Verfassungsschutz davon aus, dass russische Geheimdienste sogenannte „Low Level"-Agenten für Sabotage-Aktionen in westlichen Ländern einsetzen.
Der Gesamtschaden durch Datendiebstahl, Sabotage und Spionage für die deutsche Wirtschaft betrug 2025 laut Bitkom 289,2 Milliarden Euro – acht Prozent mehr als im Vorjahr. Die Bundesakademie für Sicherheitspolitik formuliert es drastisch: Die Verletzlichkeit kritischer Infrastruktur schafft eine doppelte Verwundbarkeit. Durch Sabotage lässt sich materieller und wirtschaftlicher Schaden anrichten – und zugleich kann dies die Wahrnehmung stärken, Staat und Wirtschaft könnten ihre grundlegenden Funktionen nicht mehr erfüllen.
Der Staat hat neue Instrumente – und kann in Ihren Betrieb eingreifen
Viele Geschäftsführer wissen nicht, dass der Staat seit 2025/2026 über neue, weitreichende Instrumente verfügt, die ihren Betrieb direkt betreffen können. Das KRITIS-Dachgesetz ist seit März 2026 in Kraft. Es definiert bundeseinheitliche Schutzstandards für systemrelevante Sektoren – darunter ausdrücklich die Chemie. Betriebe müssen prüfen, ob sie als KRITIS-Betreiber eingestuft sind. Wer betroffen ist, muss eigene Risikobewertungen durchführen und Vorfälle melden. Dabei gilt der All-Gefahren-Ansatz: Jedes denkbare Risiko muss berücksichtigt werden, von Naturkatastrophen bis hin zu Sabotage, Terroranschlägen und menschlichem Versagen. Im Ernstfall ermöglicht das Gesetz Enteignung oder Treuhandverwaltung.
Der OPlan Deutschland ist ein militärischer Operationsplan der Bundeswehr für den NATO-Verteidigungsfall. Deutschland wird darin als logistische Drehscheibe für Truppenbewegungen eingeplant. Der Plan integriert ausdrücklich zivile Behörden, Kommunen und Privatwirtschaft. Chemiebetriebe können verpflichtet werden, Leistungen zu erbringen: Logistik, Unterkünfte, Energieversorgung. Straßen, Schienen und Häfen können für militärische Zwecke priorisiert werden – die Betriebslogistik ist direkt betroffen.
Das Energiesicherungsgesetz bildet die Rechtsgrundlage für staatliche Eingriffe in die Energieversorgung im Krisenfall. Der Staat kann Unternehmen verpflichtet, ihre Energienutzung umzustellen, zu drosseln oder Kapazitäten bereitzustellen.
Zusammengefasst: Der Staat hat die rechtlichen Instrumente, in Ihren Betrieb einzugreifen – von Meldepflichten über Zwangsmaßnahmen bis zur Enteignung. Die Frage ist nicht, ob diese Instrumente jemals zum Einsatz kommen. Die Frage ist, ob Sie vorbereitet sind, wenn es soweit ist.
Was die meisten Geschäftsführer nicht wissen
In den meisten Fällen wissen Geschäftsführer nicht, dass ihr Betrieb KRITIS sein könnte. Viele denken, KRITIS betrifft nur Strom- und Wasserversorger. Dass Chemiebetriebe als Teil kritischer Lieferketten ebenfalls betroffen sein können, ist kaum bekannt. Der Begriff OPlan Deutschland ist den meisten unbekannt. Dass der Staat im Verteidigungsfall auf ihre Logistik, Infrastruktur oder Kapazitäten zugreifen kann, ist nicht im Bewusstsein.
Dass Enteignung oder Treuhandverwaltung möglich ist, klingt für die meisten nach Ausnahmezustand. Dass die Rechtsgrundlage seit März 2026 existiert, ist nicht bekannt. Die Berliner Anschläge haben sensibilisiert, aber die Übertragung auf den eigenen Betrieb fehlt: „Das passiert in Berlin, nicht bei uns." In den meisten Fällen gibt es keine etablierten Kontakte zu Behörden, THW oder Bundeswehr, keine gemeinsamen Übungen, keine Notfallprotokolle für Szenarien jenseits des klassischen Chemie-Unfalls.
Konkrete Handlungsoptionen für Betriebe
Die gute Nachricht: Es gibt konkrete Schritte, die Betriebe jetzt gehen können. Zunächst sollten Geschäftsführer ihren KRITIS-Status prüfen. Ist der Betrieb systemrelevant? Welche Meldepflichten bestehen? Die Bezirksregierung ist hier der erste Ansprechpartner.
Zweitens: Notfallpläne müssen aktualisiert werden – nicht nur für Chemie-Unfälle, sondern auch für Cyber-Angriffe, Sabotage und Versorgungsausfälle. Wie lange funktioniert die Notstromversorgung? Bestehen gehärtete Kommunikationswege zu Krisenstäben? Sind redundante Systeme vorhanden?
Drittens: Vernetzung ist entscheidend. Wer ist der Verbindungsoffizier beim Landeskommando Rheinland-Pfalz? Wer ist der Ansprechpartner beim THW, bei der Feuerwehr? Gemeinsame Übungen schaffen Vertrauen und Handlungssicherheit im Ernstfall. Regionale Zusammenarbeit mit anderen Betrieben kann Ressourcen bündeln.
Viertens: Technologische Verwundbarkeiten identifizieren. Produktionsanlagen sind zunehmend mit IT-Netzwerken verbunden. Ein OT-Sicherheitsaudit kann Schwachstellen aufdecken. Die Chemie wird unter der NIS-2-Richtlinie als wesentliche Einrichtung eingestuft – Cybersicherheit ist keine Option mehr, sondern Pflicht.
Fünftens: Logistik-Alternativen durchdenken. Was passiert, wenn die Rheinachse für militärische Transporte priorisiert wird? Welche Ausweichrouten gibt es? Wie abhängig ist die Produktion von einzelnen Lieferanten bei kritischen Rohstoffen?
Neue Anforderungen an Führung
Diese neue Realität stellt auch neue Anforderungen an Führungskräfte. Sie müssen eine Lage erklären, die sie selbst erst verstehen lernen: Sabotage, KRITIS, OPlan, hybride Bedrohungen. Sie müssen Betroffenheit herstellen, ohne Angst zu schüren. Auf Management-Ebene wird die Zusammenarbeit mit Behörden, THW und Bundeswehr zur strategischen Pflicht.
Führungskräfte brauchen Orientierung, wie sie mit diesen komplexen Themen umgehen. Interne Informationsformate können helfen: „Was bedeutet die Lage für uns?" Transparenz schafft Vertrauen.
Zukunftsperspektiven in einer gespaltenen Branche
Aus der Bedrohungslage entstehen auch neue Perspektiven. Neue Berufsbilder entwickeln sich: Cybersicherheit, Krisenmanagement, KRITIS-Beauftragte. Systemrelevanz wird zum Arbeitgeberargument. In einem KRITIS-Betrieb zu arbeiten bedeutet, einen gesellschaftlich unverzichtbaren Job zu haben – gerade für junge Menschen ein wichtiges Signal.
Ohne Chemikalien keine Rüstung, keine Energiewende, keine Medikamente. Die Branche ist verwundbar – aber sie ist auch unverzichtbar. Die veränderte geopolitische Lage zeigt das deutlich: Bestimmte Segmente erleben Nachfrageschübe, andere leiden unter Rohstoffengpässen. Diese Ambivalenz prägt die aktuelle Lage. Sie eröffnet für manche neue Geschäftsfelder und stärkt die gesellschaftliche Anerkennung – während andere Betriebe gleichzeitig um ihre Existenz kämpfen.
Wir.Hier. – Informationen zur neuen Realität
Die Chemieverbände Rheinland-Pfalz bieten mit „Wir.Hier." Informationen zu diesem Thema. Unter dem Motto „Wandel verstehen. Perspektiven teilen." bereiten wir Inhalte verständlich auf: Was bedeuten KRITIS-Pflichten konkret? Welche Ansprechpartner gibt es bei Behörden? Wie können Betriebe ihre Verwundbarkeit reduzieren?
Der Berliner Blackout verdeutlicht dringenden Handlungsbedarf für Resilienz und Krisenvorsorge in Deutschland. Die Frage lautet nicht mehr, ob solche Ereignisse auch Rheinland-Pfalz treffen können – sondern wann. Betriebe, die jetzt handeln, verschaffen sich einen Vorsprung. Sie schützen nicht nur ihre Produktion, sondern auch ihre Belegschaft und ihre gesellschaftliche Rolle.
Die Verwundbarkeit ist real. Aber die Handlungsoptionen sind es auch.
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