Studie: Psychische Gesundheit in der Ausbildung

Neue Untersuchung zeigt: Psychische Belastungen gefährden Ausbildungserfolg – aber es gibt wirksame Gegenstrategien

Die Zahlen sind alarmierend: 15 Prozent der Auszubildenden in Deutschland leiden unter einem besorgniserregend niedrigen Wohlbefinden. Fast jeder fünfte Azubi fühlt sich durch die Ausbildung häufig emotional belastet. Und: Psychische Probleme sind mittlerweile der Hauptgrund, warum junge Menschen über einen Ausbildungsabbruch nachdenken. Das zeigt eine aktuelle repräsentative Studie der Bertelsmann Stiftung und des Instituts der deutschen Wirtschaft, für die über 1.100 Unternehmen und 900 Auszubildende befragt wurden.

Für ausbildende Chemiebetriebe in Rheinland-Pfalz sind diese Erkenntnisse hochrelevant – denn sie zeigen nicht nur Probleme auf, sondern liefern auch konkrete Handlungsansätze.

Die Herausforderung: Ausbildung wird anspruchsvoller

Die Rahmenbedingungen für Ausbildungsbetriebe haben sich deutlich verschärft. Nur noch gut die Hälfte der ausbildungsaktiven Unternehmen (52 Prozent) konnte 2025 alle angebotenen Ausbildungsplätze besetzen. Gleichzeitig werden die Anforderungen an die Ausbildung komplexer: Digitalisierung, Nachhaltigkeit und der Umbau der Chemiewirtschaft erfordern neue Kompetenzen – von den Azubis, aber auch vom Ausbildungspersonal.

Hinzu kommt: Die psychische Gesundheit junger Menschen hat sich verschlechtert. Laut Krankenkassendaten stieg der Anteil psychischer Erkrankungen am gesamten Krankheitsgeschehen der Auszubildenden von 12,5 Prozent (2022) auf 13,6 Prozent (2024). Die Folgen sind messbar: Ein Drittel der befragten Azubis hat sich bereits mindestens einmal wegen psychischer Belastungen krankgemeldet.

Was Chemiebetriebe konkret erleben

Die Studie bestätigt, was viele Ausbildungsverantwortliche in der chemischen Industrie bereits beobachten: Ein Drittel der Unternehmen berichtet von einer Zunahme von Konflikten und Problemen in der Ausbildung seit der Corona-Pandemie.

Die häufigsten Herausforderungen sind:

  • Übermäßige Smartphone-Nutzung (53 Prozent der Unternehmen berichten davon häufig oder manchmal)
  • Übermäßige Krankheitsausfälle (42 Prozent)
  • Konflikte zwischen Azubis und Ausbildern (20 Prozent)

Fast jedem fünften Unternehmen (18,5 Prozent) sind psychische Erkrankungen unter den eigenen Auszubildenden bekannt. Die Auswirkungen sind spürbar:

  • 62 Prozent dieser Betriebe berichten von beeinträchtigter Produktivität
  • 50 Prozent sehen zusätzlichen Aufwand für sozialpädagogische Betreuung
  • 46 Prozent erleben, dass Verhaltensauffälligkeiten die Gestaltung der Ausbildung erschweren
  • 38 Prozent konstatieren zusätzlichen Weiterbildungsbedarf für das Ausbildungspersonal

Der größte Risikofaktor: Ausbildungsabbruch

Besonders kritisch: Psychische Belastungen sind der mit Abstand häufigste Grund für Abbruchgedanken. 40 Prozent der Azubis, die über eine vorzeitige Vertragslösung nachdenken, nennen psychische Belastungen als Grund – noch vor enttäuschten Erwartungen (33 Prozent) oder Unzufriedenheit mit den Arbeitsbedingungen (31 Prozent).

Unter den psychisch besonders belasteten Azubis erwägen sogar drei Viertel (74 Prozent) einen Abbruch. Für Ausbildungsbetriebe bedeutet das: Verlust bereits getätigter Investitionen, zusätzlicher Rekrutierungsaufwand und letztlich weniger selbst ausgebildete Fachkräfte.

Die gute Nachricht: Viele Betriebe handeln bereits

Trotz der Herausforderungen zeigt die Studie auch positive Entwicklungen: 61 Prozent der ausbildungsaktiven Unternehmen bieten bereits mindestens ein Instrument zur Förderung der psychischen und physischen Gesundheit an.

Bewährte Maßnahmen sind:

  • Interne Ansprechpersonen für psychische Probleme (31 Prozent der Betriebe)
  • Informationsangebote zu Gesundheitsthemen wie Ernährung und Schlaf (30 Prozent)
  • Sport- und Entspannungsangebote (25 Prozent)
  • Trainings zu Stressmanagement und Resilienz (24 Prozent)
  • Externe psychologische Beratungsangebote (14 Prozent)

Besonders wichtig: 57 Prozent der Betriebe haben eine Vertrauensperson speziell für Auszubildende benannt.

Was Azubis wirklich hilft

Die Befragung der Auszubildenden zeigt deutlich, welche Angebote als besonders hilfreich bewertet werden:

  1. Trainings zum Umgang mit Stress (75 Prozent finden diese hilfreich)
  2. Interne Ansprechpersonen (68 Prozent)
  3. Informationen zu Gesundheitsthemen (65 Prozent)
  4. Externe psychologische Beratung (64 Prozent)

Wichtig: Auch wenn nur ein kleinerer Teil der Azubis die Angebote aktiv nutzt, schätzen die meisten deren Vorhandensein als wichtiges Sicherungsnetz. Die Angebote wirken also auch präventiv.

Die Wahrnehmungslücke schließen

Die Studie deckt allerdings auch eine problematische Diskrepanz auf: Während viele Unternehmen ihren Umgang mit psychisch belasteten Azubis als offen und sensibel beschreiben, traut sich mehr als ein Drittel der jungen Menschen (34,5 Prozent) nicht, psychische Belastungen anzusprechen. Sie befürchten negative Konsequenzen und Stigmatisierung.

Unter den besonders belasteten Azubis liegt dieser Anteil sogar bei 63 Prozent. Gleichzeitig geben nur 54 Prozent aller Azubis an, dass ihnen bei Problemen aktiv Hilfe angeboten wird – unter den psychisch Belasteten sind es sogar nur 27 Prozent.

Die Botschaft für Chemiebetriebe: Es reicht nicht, Angebote zu schaffen – sie müssen auch aktiv kommuniziert und eine Kultur geschaffen werden, in der es selbstverständlich ist, über Belastungen zu sprechen.

Was Chemiebetriebe jetzt tun können

Kurzfristig umsetzbar:

1. Vertrauenspersonen klar benennen
Stellen Sie sicher, dass jeder Azubi weiß, an wen er oder sie sich bei persönlichen Problemen wenden kann – und wie vertraulich das behandelt wird.

2. Offene Fehlerkultur aktiv leben
87 Prozent der Unternehmen sagen, sie pflegen eine offene Fehlerkultur. Aber nur 77 Prozent der Azubis erleben das so. Machen Sie regelmäßige Feedbackgespräche zur Selbstverständlichkeit.

3. Smartphone-Regeln konsequent umsetzen
61 Prozent der Azubis kennen verbindliche Smartphone-Regelungen in ihrem Betrieb – aber 22 Prozent halten sich nicht daran. Klare Regeln mit nachvollziehbarer Begründung und konsequenter Umsetzung helfen.

4. Externe Hilfsangebote bekannt machen
Stellen Sie Informationen zu Beratungstelefonen, Krankenkassen-Angeboten und regionalen Beratungsstellen zusammen und kommunizieren Sie diese aktiv.

Mittelfristig strategisch:

5. Ausbildungspersonal qualifizieren
Nur 13 Prozent der Betriebe bieten Schulungen für Ausbilder zum Thema psychische Gesundheit an. Hier liegt großes Potenzial. Das Netzwerk Q bietet beispielsweise bundesweit Fortbildungen an.

6. Präventionsangebote schaffen
Stress-Trainings und Resilienz-Workshops werden von drei Viertel der Azubis als hilfreich bewertet, aber nur 24 Prozent der Betriebe bieten sie an.

7. Gesundheitsförderung als Attraktivitätsfaktor nutzen
66 Prozent der Azubis finden Angebote zur psychischen Gesundheitsförderung wichtig bei der Betriebswahl. Machen Sie Ihre Angebote im Ausbildungsmarketing sichtbar!

Unterstützung von außen einfordern

Die befragten Unternehmen sehen sich nicht allein in der Verantwortung. Ihre wichtigsten Forderungen:

  • Bessere Prävention in Schulen (71 Prozent)
  • Mehr Informationen zu Unterstützungsmöglichkeiten (55 Prozent)
  • Intensivere psychologische Betreuung in Berufsschulen (54 Prozent)
  • Passende Qualifizierungsangebote für Ausbilder (51 Prozent)
  • Bessere ausbildungsbegleitende Hilfen (51 Prozent)

Als Verband setzen wir uns dafür ein, dass diese Rahmenbedingungen verbessert werden. Psychische Gesundheit ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe.

Fazit: Investition in Gesundheit zahlt sich aus

Die Studie macht deutlich: Psychische Gesundheit in der Ausbildung zu fördern, ist keine Sozialromantik, sondern betriebswirtschaftlich sinnvoll. Wer frühzeitig und präventiv handelt, kann:

  • Ausbildungsabbrüche verhindern
  • Fehlzeiten reduzieren
  • Produktivität sichern
  • Attraktivität als Ausbildungsbetrieb steigern
  • Investitionen in die Fachkräfteausbildung schützen

In Zeiten, in denen nur noch jeder zweite Betrieb alle Ausbildungsplätze besetzen kann, kann es sich kein Unternehmen leisten, drei Viertel seiner psychisch belasteten Azubis an Abbruchgedanken zu verlieren.

Die gute Nachricht: Viele wirksame Maßnahmen sind auch mit überschaubarem Aufwand umsetzbar. Und die Azubis honorieren das Engagement – 88 Prozent sind mit ihrer Ausbildung zufrieden, wenn die Rahmenbedingungen stimmen.