Die chemisch-pharmazeutische Industrie in Rheinland-Pfalz erlebte 2025 kein Jahr der Erholung. Während die Pharmasparte zulegte, blieben die Kernbranchen Chemie sowie Gummi und Kunststoff unter anhaltendem Druck. Die Wirtschaftsleistung des Landes sank insgesamt um 0,5 Prozent. Für das Kernland der deutschen chemischen Industrie war es das dritte Krisenjahr in Folge.
Die Chemie: Schlüsselbranche unter Dauerdruck
Die chemische Industrie steht mit 27 Prozent der Industrieumsätze und 17 Prozent der Industriearbeitsplätze weiterhin für die wirtschaftliche Stärke des Landes. Doch die Zahlen für 2025 waren erneut ernüchternd: Die Umsätze sanken um 3,5 Prozent, die Beschäftigung ging um rund 2 Prozent zurück – das dritte Umsatzminus in Folge. Die Auftragseingänge lagen zuletzt 39 Prozent unter dem Niveau von Anfang 2022. Eine Trendwende zeichnete sich nicht ab: Im Dezember 2025 lag die Chemieproduktion im Land 11 Prozent unter dem Vorjahresmonat.
Die Lage in Rheinland-Pfalz spiegelte den bundesweiten Trend: Deutschlandweit lag die Kapazitätsauslastung der Chemieanlagen 2025 bei nur 72,5 Prozent – 17 Quartale in Folge unterhalb der rentablen Normalauslastung, ein historisch einmaliger Vorgang. Bundesweit klagten gut 40 Prozent der Unternehmen über Auftragsmangel.
Gummi und Kunststoff: Rückgänge auf breiter Front
Auch die Gummi- und Kunststoffwarenindustrie in Rheinland-Pfalz entwickelte sich negativ. Die Umsätze gingen um 3,7 Prozent zurück, die Beschäftigung um 3,6 Prozent. Besonders deutlich war der Rückgang der Exporte um 6,6 Prozent – die stärkste Einbuße unter den wichtigen Exportgruppen des Landes.
Pharma: Lichtblick mit Einschränkung
Die Pharmaindustrie war der positive Ausreißer in Rheinland-Pfalz. Die Beschäftigung stieg um 6,6 Prozent, die Exporte pharmazeutischer Erzeugnisse legten um 4,3 Prozent zu. Der nominale Umsatzanstieg von 29,4 Prozent ist allerdings mit Vorsicht zu lesen: Das Statistische Landesamt weist ausdrücklich darauf hin, dass er zum Teil auf revisionsbedingten Anpassungen bei den Meldungen der Betriebe beruht. Ohne die Pharmasparte wäre der Industrieumsatz des Landes 2025 um 1,7 Prozent gefallen.
Warum die Krise strukturell ist
Die Ursachen der anhaltenden Schwäche gehen weit über eine konjunkturelle Delle hinaus. Sie treffen Rheinland-Pfalz besonders hart, weil energieintensive Branchen 57 Prozent der Industrieumsätze des Landes ausmachen.
Bürokratie und Regulierung als Hauptbelastung: Laut bundesweiter VCI-Mitgliederumfrage vom November 2025 sahen sich 92 Prozent der Unternehmen durch Bürokratie und Regulierung schwer oder sehr schwer belastet – der mit Abstand höchste Wert unter allen Belastungsfaktoren. 64 Prozent nannten langsame Genehmigungsverfahren als zusätzliche Bremse.
Hohe Kosten auf breiter Front: Bundesweit litten 75 Prozent der Chemie- und Pharmaunternehmen unter hohen Arbeitskosten, 59 Prozent unter hohen Energiekosten. Die Arbeitskosten je Stunde in der deutschen Chemie- und Pharmaindustrie lagen 2024 bei über 65 Euro – deutlich über dem Niveau der europäischen Wettbewerber. In Rheinland-Pfalz stiegen die Lohnstückkosten in der Chemie 2025 um 5,4 Prozent, obwohl die Arbeitsproduktivität mit 578.600 Euro Umsatz je Beschäftigten über dem Bundesdurchschnitt lag. Der Standort ist leistungsfähig, aber seine Kostenposition verschlechterte sich weiter.
Investitionsbremse Energiekosten: Laut IHK-Energiewende-Barometer Rheinland-Pfalz stellten 52,9 Prozent der Unternehmen im Land Investitionen wegen der Energiekosten zurück. Als größte Transformationshürden nannten sie Bürokratie (65 Prozent), mangelnde Planbarkeit der Energiepolitik (59,1 Prozent) und langwierige Genehmigungsverfahren (51 Prozent).
Außenhandelsrisiken: Die Exporterwartungen in Rheinland-Pfalz blieben laut IHK deutlich negativ. US-Strafzölle und protektionistische Tendenzen belasteten das Geschäft. Die Exporte des Landes in die USA gingen um 6,2 Prozent zurück.
Schwache Binnennachfrage: Die Inlandsumsätze der rheinland-pfälzischen Industrie sanken 2025 erneut. Das Statistische Landesamt verwies auf die anhaltend schwache Binnenkonjunktur und auf strukturelle Ursachen in einzelnen Industrien.
Die Unternehmen reagieren – mit harten Maßnahmen
Die Betriebe warteten nicht auf politische Lösungen, sondern handelten selbst. Bundesweit waren Kostensenkungsprogramme die mit Abstand häufigste Maßnahme zur Sicherung der Ertragskraft. Viele Unternehmen reduzierten Jahresleistungen, verhandelten Sozialpläne und bauten Beschäftigung ab. 37 Prozent der Unternehmen mit Kapazitätsstilllegungen nannten bundesweit den Kosten- und Preisdruck am Standort als Hauptmotiv, 22 Prozent verwiesen auf regulatorische Vorgaben und Unsicherheiten.
In der Tarifrunde 2026 spiegelte sich die Lage unmittelbar wider. Die Arbeitgeber in Rheinland-Pfalz machten deutlich: Mit einem Exportanteil von 70 Prozent steht das Land besonders im internationalen Wettbewerb – und ist von der schwersten Strukturkrise seit Jahrzehnten hart betroffen. In der Breite laufen tiefgreifende Kosten-, Abbau- und Strukturprogramme.
Ausblick: Keine schnelle Besserung
Bundesweit gingen dreiviertel der Unternehmen laut VCI-Umfrage für 2026 von einer unveränderten oder rückläufigen Ertragslage aus. Die deutsche Volkswirtschaft wuchs von 2018 bis 2026 insgesamt um nur 3 Prozent – während die USA um 19 Prozent und die EU um 10 Prozent zulegten. Die deutsche Chemie- und Pharmaindustrie benötigte ein Produktionswachstum von insgesamt 25 Prozent, um die Verluste seit 2018 aufzuholen. Davon war sie weit entfernt.
Branchenentwicklung 2025
Rheinland-Pfalz (Statistisches Landesamt, nominale Werte, Betriebe mit 50+ Beschäftigten):
| Branche | Umsatz | Beschäftigung | Export |
|---|---|---|---|
| Chemie | -3,5 % | -2,0 % | -1,9 % |
| Gummi/Kunststoff | -3,7 % | -3,6 % | -6,6 % |
| Pharma | +29,4 %* | +6,6 % | +4,3 % |
* Laut Statistischem Landesamt zum Teil auf revisionsbedingte Anpassungen zurückzuführen.
| Kennzahl | Wert | Bezug |
|---|---|---|
| Wirtschaftsleistung 2025 | -0,5 % | RLP |
| Energieintensive Branchen an Industrieumsätzen | 57 % | RLP |
| Chemieproduktion Dezember 2025 | -11 % gg. Vorjahresmonat | RLP |
| Auftragseingänge Chemie seit Anfang 2022 | -39 % | RLP |
| Arbeitsproduktivität Chemie | 578.600 € je Beschäftigten | RLP |
| Lohnstückkostenanstieg Chemie | +5,4 % | RLP |
| Unternehmen mit Investitionszurückstellung wg. Energiekosten | 52,9 % | RLP |
| Kapazitätsauslastung Chemie | 72,5 % | Bund |
| Belastung durch Bürokratie/Regulierung | 92 % | Bund |
| Arbeitskosten je Stunde Chemie/Pharma | über 65 € | Bund |
Produktions- und Auftragsdaten: kalender- und saisonbereinigt. Umsatz- und Beschäftigungsdaten: nominale Werte, Betriebe mit 50 und mehr Beschäftigten. Quellen: Statistisches Landesamt RLP, VCI-Mitgliederumfrage November 2025, IHK Rheinland-Pfalz, BAVC.
